Emissionshandel: Weitergabe von Kosten

Am 01.01.2021 startet der nationale Emissionshandel auf Grundlage des Brennstoff-Emissionshandelsgesetzes (BEHG), zumindest, wenn es dem Bundesumweltministerium gelingt, rechtzeitig die 17 noch ausstehenden Verordnungen zu erlassen, in denen die Details der Bepreisung von CO2 außerhalb des “großen” europäischen Emissionshandels geregelt werden sollen. Für alle Emissionen ab Neujahr muss derjenige, der die eingesetzten Brennstoffe in Verkehr bringt, also im Folgejahr berichten und Emissionszertifikate abführen, die im ersten Jahr 25 EUR kosten sollen (wir haben umfangreich berichtet).

Es ist ein notwendiger Teil des Wirkungsmechanismus, dass diese Kosten weitergegeben werden. Ansonsten erhöhen sich zwar die Staatseinnahmen, aber der Verbrauch sinkt nicht. Spätestens 2026, wenn Zertifikate nicht mehr verkauft, sondern budgetiert versteigert werden, käme jede andere Lesart, die allein die Lieferanten belastet, zum Kollaps. Insofern: Der Letztverbraucher soll die Lasten tragen, um einen Anreiz zu haben, CO2 einzusparen. Aber ebenso wie bei den Umlagen nach EEG und KWKG schweigt auch das BEHG zur Umlage auf den Kunden.

Dies wirft Fragen auf. Zumindest in den ersten Jahren des neuen nationalen Emissionshandels dürfte es sich bei den Zertifikaten nicht um ein Betriebsmittel handeln, das wie Erdgas eingekauft wird, um Wärme zu erzeugen. Ist dem ab 2026 so, handelt es sich quasi um eine “Zutat”, die auch kalkulatorisch so behandelt werden könnte und muss, da die Preise in einem Versteigerungssystem ja auch nicht fest stehen. Doch solange hier öffentlich-rechtlich Festpreise erhoben werden, liegt es näher, mit dem CO2-Preis umzugehen wie mit der Energiesteuer. Doch geben die standardmäßigen Steuer- und Abgabeklauseln in Bestandsverträgen das auch her?

Hier ist auf eine Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH) vom 22.12.2003 – VIII ZR 90/02, hinzuweisen. Damals ging es um die EEG- und KWKG-Umlage. Hier ist der BGH von einer Regelungslücke im Vertrag ausgegangen, die die Parteien, wären die erwähnten Umlagen schon bei Vertragsschluss bekannt gewesen, im selben Sinne wie die bereits vorher bekannten Abgaben ausgefüllt hätte. Übertragen auf die Kosten aus Emissionszertifikaten: Wenn Unternehmen Klauseln verwenden, die alle Steuern, Abgaben und andere unbeeinflussbaren Faktoren dem Kunden auferlegen, so auch mit den Kosten für Emissionszertifikate umgehen, funktioniert das ohne ausdrückliche Nennung auf Basis einer auszufüllenden Regelungslücke nur, wenn diese Kosten zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses noch nicht absehbar waren. Ansonsten kann ja kaum von einer unbeabsichtigten Regelungslücke die Rede sein. Da das BEHG ja nun seit Dezember verabschiedet ist, bedeutet das: Unternehmen sollten gerade in Hinblick auf neue Vertragsabschlüsse sehr schnell prüfen, ob Handlungsbedarf besteht und gegebenenfalls Vertragsanpassungen betreiben (Miriam Vollmer)

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2020-02-07T12:39:41+01:007. Februar 2020|Emissionshandel, Vertrieb|

Vertrieb: Referentenentwurf “Faire Verbraucherverträge”

Das Bundesjustiziministerium (BMJV) hat am vergangenen Freitag einen Entwurf für ein “Gesetz für faire Verbraucherverträge” vorgelegt, der sich auch auf den Energievertrieb auswirken soll. Zwar ist der Referentenentwurf noch nicht innerhalb der Bundesregierung abgestimmt, und natürlich kann sich auch im Gesetzgebungsverfahren noch viel ändern, doch der Entwurf zeigt schon recht deutlich, wohin die Reise geht.

Zwei neue Absätze im § 312c sollen Verbraucher im telefonischen Direktmarketing mit Gas oder Strom vor den schwarzen Schafen der Branche schützen. Hier gibt es derzeit immer wieder Fälle, in denen im Nachhinein behauptet wird, der Kunde hätte am Telefon den Stromversorger gewechselt, dabei wollte er nur Informationsmaterial. Oder der Kunde wurde schlicht überrumpelt und manchmal mit irreführenden Behauptungen zur Bestellung verleitet. Von der Behauptung, der Anrufer sei vom Stadtwerk und es ginge nur um einen Wechsel des Tarifs, über die Lüge, das Stadtwerk sei insolvent bis hin zu völlig aus der Luft gegriffenen Behauptungen über das Sparpotential eines Versorgerwechsels ist uns hier schon alles begegnet.

Zwar gibt es schon heute die Möglichkeit, bei Fernabsatzverträgen nachträglich zu widerrufen. Allerdings ist das bei vielen Verbrauchern nicht bekannt und natürlich auch mit Aufwand verbunden. Oft hängt der Verbraucher dann für mehrere Jahre bei einem unter Umständen gar nicht so günstigen Energiedirektvermarkter fest. Wir kennen sogar Fälle, in denen ein grundversorgter Kunde nach dem Wechsel im Ergebnis teurer versorgt wurde als zuvor. Dem soll die neue Regelung in § 312c Abs. 3 und 4 BGB begegnen. Hiernach ist ein Strom – oder Gasliefervertrag nur dann wirksam wenn der Verbraucher den Vertrag in Textform genehmigt, nachdem ihm der Unternehmer den Inhalt des Vertrages auf einem “dauerhaften Datenträger” übermittelt hat. Zu deutsch: Nach dem Telefonat bekommt der neue Kunde den Vertrag zugeschickt. Wenn der Verbraucher ihn dann nicht genehmigt, sich etwa gar nicht mehr meldet, findet kein Versorgerwechsel statt.

Für den Direktvertrieb am Telefon interessant ist auch ein neuer § 7a UWG, der neu eingefügt werden soll. Hier soll geregelt werden, dass die vorherige ausdrückliche Einwilligung in die Telefonwerbung in angemessener Form dokumentiert und die Dokumentation für fünf Jahre aufzubewahren ist. Dies wird viele Wettbewerbsprozesse deutlich abkürzen, denn oft steht heute Aussage gegen Aussage, wer hier wem in was eingewilligt hat.

Der Entwurf dürfte nicht nur von Verbraucherschutzverbänden begrüßt werden. Auch die örtlichen Energieversorger dürften davon profitieren, dass ihnen nicht die oft aggressiven Direktvermarkter immer wieder mit teilweise hanebüchenen Behauptungen Kunden per Telefon abspenstig machen. Wer selbst mit seriösen Direktvermarktern seine Reichweite vergrößern möchte, sollte sich mit den Änderungen natürlich ebenfalls vertraut machen, um nicht versehentlich durch überholte Prozesse die Wirksamkeit von Versorgerwechseln zu gefährden oder Aufbewahrungspflichten zu verletzen (Miriam Vollmer).

2020-01-27T10:29:35+01:0027. Januar 2020|Gas, Strom, Vertrieb|

Vertrieb: Wer ist grundversorgter Kunde?

Mit wem wird ein Grundversorgungsvertrag geschlossen? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Bundesgerichtshof am 27.11.2019 (VIII ZR 165/18).

In dem zugrunde liegenden Sachverhalt klagte der örtliche Grundversorger gegen den Eigentümer eines Mietshauses auf 360,61 € plus die Kosten eines Sperrversuchs. Allerdings hatte nicht der Vermieter den Strom verbraucht, sondern ein Mieter. Der Gang zum Vermieter war damit der sozusagen letzte Versuch des Grundversorgers, doch an sein Geld zu kommen. Damit scheiterte das Unternehmen allerdings nun auch in Karlsruhe.

Das es überhaupt Gegenstand der Diskussion war, wer nun Kunde des Grundversorgers geworden war, beruht auf der Sonderregelung des § 2 Abs. 2 StromGVV, die so auch für Gas, Wasser und Fernwärme existiert: Nach dieser Regelung bedarf es keines ausdrücklichen Vertragsschlusses. Es reicht, wenn ein Kunde Strom entnimmt. Auch wenn ihm nicht klar ist, dass er gerade einen Vertrag abschließt, wenn er das Licht anschaltet, entsteht danach ein Vertragsverhältnis.

Der Versorger hatte argumentiert, dass es auf die tatsächliche Verfügungsgewalt über den Netzanschluss ankomme. Außerdem würde der Mieter den Strom gerade nicht aus dem Netz der allgemeinen Versorgung, sondern aus einer Kundenanlage nach § 3 Nr. 24 EnWG entnehmen. Dies hat den erkennenden Senats des BGH aber nicht überzeugt. Der Begriff des Netzes der allgemeinen Versorgung sei nur vom Arealnetz zu unterscheiden, aber nicht von der Kundenanlage. Außerdem hätte der Hauseigentümer keinen Strom entnommen.

Interessant sind die Schlüsse, die der BGH aus diesen Feststellungen zieht: Aus dem Umstand, dass dem Mieter ein separater Zähler zugeordnet ist, schließt er auf eine Realofferte allein an den Mieter. Mit anderen Worten: Gibt es einzelne Zähler pro Wohnung, wird der einzelne Mieter Kunde. Im Umkehrschluss bedeutet das: Dort, wo es keine einzelnen Zähler gibt, sondern etwa nach Wohnfläche verteilt wird, trifft dies nicht wohl nicht zu.

Versorger können sich also bei säumigen grundversorgten Kunden nicht an den Eigentümer des Hauses halten, in dem der Verbrauch stattgefunden hat. Das ist für Versorger insbesondere bedauerlich, weil beim Vermieter mit den Mietzahlungen der Mieter, aber auch mit dem Haus selbst regelmäßig pfändbare Vermögenswerte existieren. Beim Mieter ist dies dagegen weit weniger selbstverständlich. Vermieter, die nach Wohnfläche verteilen, sollte das Urteil ebenfalls interessieren. Abseits dieser Klärung einer praktischen Frage wirft die Entscheidung jedoch auch weitere Probleme im Hinblick auf die Abgrenzung zwischen Netzen und Kundenanlage auf. Der bisweilen schillernder Begriff ist durch dieses Urteil jedenfalls nicht klarer geworden (Miriam Vollmer).

2020-01-24T15:58:35+01:0024. Januar 2020|Gas, Strom, Vertrieb, Wasser|