Der Ausbau der Windenergie gilt als zentraler Baustein der Energie­wende. Gleich­zeitig steht er seit Jahren in der Kritik, insbe­sondere wegen möglicher Gefahren für Vögel wie Greif­vögel und Zugvo­gel­arten. Ein innova­tiver techno­lo­gi­scher Ansatz versucht nun, diesen Konflikt zu entschärfen: Windkraft­an­lagen, die mithilfe von Kameras und künst­licher Intel­ligenz Vögel erkennen und Kolli­sionen aktiv vermeiden.

Im Zentrum dieser Entwicklung stehen sogenannte Antikol­li­si­ons­systeme. Sie bestehen aus mehreren hochauf­lö­senden Kameras, die rund um eine Windkraft­anlage instal­liert sind und den Luftraum konti­nu­ierlich überwachen. Die aufge­nom­menen Bilder werden in Echtzeit von einer Software analy­siert, die mithilfe von künst­licher Intel­ligenz verschiedene Vogel­arten erkennen und deren Flugbahnen berechnen kann. Besonders im Fokus stehen große Greif­vögel wie Adler oder Rotmilane, die aufgrund ihrer Flugweise besonders gefährdet sind.

Erkennt das System einen Vogel auf poten­zi­ellem Kolli­si­onskurs, reagiert es innerhalb von Sekun­den­bruch­teilen: Die Windkraft­anlage wird automa­tisch verlangsamt oder kurzfristig gestoppt. Sobald keine Gefahr mehr besteht, nimmt sie ihren Betrieb wieder auf. Auf diese Weise lässt sich das Risiko von Zusam­men­stößen deutlich reduzieren, ohne die Energie­pro­duktion dauerhaft einzuschränken.

Auch in Deutschland wird diese Techno­logie bereits erprobt und teilweise einge­setzt. In mehreren Windparks, insbe­sondere in ökolo­gisch sensiblen Regionen, laufen Pilot­pro­jekte mit solchen Kamera­sys­temen. Erste Studien und Feldver­suche zeigen vielver­spre­chende Ergeb­nisse: Die Zahl der Vogel­kol­li­sionen kann erheblich gesenkt werden, während die Einbußen bei der Strom­pro­duktion vergleichs­weise gering bleiben.

Besonders relevant ist das Thema hierzu­lande, da Deutschland eine hohe Verant­wortung für bestimmte Vogel­arten trägt. Der Rotmilan beispiels­weise hat einen Großteil seines weltweiten Bestands in Mittel­europa. Entspre­chend streng sind die natur­schutz­recht­lichen Anfor­de­rungen bei der Planung neuer Windparks. Technische Lösungen wie Antikol­li­si­ons­systeme könnten hier künftig eine Schlüs­sel­rolle spielen, um den Ausbau der Windenergie mit dem Arten­schutz besser in Einklang zu bringen.

Ein besonders weit entwi­ckeltes Beispiel für moderne Antikol­li­si­ons­systeme ist das System „Identi­F­light“. Es gilt als eines der weltweit führenden Techno­logien zur Vermeidung von Vogel­kol­li­sionen an Windkraft­an­lagen und wird seit mehreren Jahren auch in Deutschland erprobt und eingesetzt.

Identi­F­light kombi­niert mehrere hochauf­lö­sende Kameras mit künst­licher Intel­ligenz, um den Luftraum rund um Windener­gie­an­lagen in Echtzeit zu überwachen. Das System besteht aus einer Kombi­nation von Weitwin­kel­ka­meras und beweg­lichen Stereo­ka­meras. Während die Weitwin­kel­ka­meras konti­nu­ierlich den Himmel nach Flugbe­we­gungen absuchen, richten sich die hochauf­lö­senden Kameras automa­tisch auf erkannte Objekte aus und verfolgen deren Flugbahn präzise. Die Software analy­siert diese Daten innerhalb von Milli­se­kunden und kann Vogel­arten identi­fi­zieren sowie deren Flugrichtung und Kolli­si­ons­risiko berechnen. Erkennt das System eine Gefahr, wird die Windkraft­anlage automa­tisch verlangsamt oder kurzfristig gestoppt. Dadurch lässt sich das Kolli­si­ons­risiko deutlich reduzieren, ohne die Energie­pro­duktion dauerhaft einzu­schränken. In Deutschland wird Identi­F­light bereits an mehreren Stand­orten getestet und einge­setzt. Besonders aktiv ist dabei das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern, das aufgrund seiner bedeu­tenden Greif­vo­gel­be­stände als wichtiger Testraum gilt.

Ein zentrales Beispiel ist der geplante Windpark Badresch in der Mecklen­bur­gi­schen Seenplatte. Dort wird Identi­F­light im Rahmen eines Modell­pro­jekts erprobt, um nachzu­weisen, dass Windener­gie­an­lagen auch in sensiblen Lebens­räumen von Schrei­adlern und Seeadlern betrieben werden können. Ziel ist es, den Konflikt zwischen Arten­schutz und Energie­wende zu entschärfen. Darüber hinaus wurde das System im Jahr 2021 an vier verschie­denen Windener­gie­stand­orten in Mecklenburg-Vorpommern wissen­schaftlich unter­sucht. Diese Studien dienten insbe­sondere dazu, die Wirksamkeit beim Schutz von Seeadlern zu überprüfen. Die Ergeb­nisse zeigen, dass Identi­F­light Vögel zuver­lässig erkennen und das Kolli­si­ons­risiko deutlich senken kann.

Auch in Süddeutschland laufen Forschungs­pro­jekte: In Bayern, genauer in der Gemeinde Fuchstal, wird das System seit 2022 unter realen Bedin­gungen getestet. Dort unter­suchen Wissen­schaftler, wie zuver­lässig die automa­tische Abschaltung in einem Waldstandort funktio­niert und wie sich die Technik in den prakti­schen Betrieb integrieren lässt.

Aller­dings sind noch nicht alle Fragen geklärt. Die Systeme sind kosten­in­tensiv und bislang nicht flächen­de­ckend im Einsatz. Zudem müssen sie unter unter­schied­lichen Wetter- und Licht­be­din­gungen zuver­lässig funktio­nieren. Auch die recht­liche Einordnung und Anerkennung solcher Techno­logien entwi­ckelt sich weiter.

Trotz dieser Heraus­for­de­rungen zeigt sich: Der Einsatz intel­li­genter Kamera­systeme könnte ein wichtiger Schritt sein, um einen der zentralen Zielkon­flikte der Energie­wende zu entschärfen. Indem Technik hilft, Natur besser zu schützen, wird deutlich, dass Klima­schutz und Arten­schutz nicht zwangs­läufig im Wider­spruch stehen müssen – sondern sich zunehmend ergänzen können.

(Christian Dümke)