Das Paradox der Technologieoffenheit

Der Planet auf dem wir leben, ist als Heimat für die meisten Menschen vermutlich völlig ungeeignet. Statt klare Verhält­nisse, Vorher­seh­barkeit, Verläss­lichkeit bietet er vor allem Chaos, Komple­xität, Überra­schungen. Vielleicht sind wir deswegen oft so anfällig für Sehnsüchte nach Gebor­genheit in einer höheren Ordnung, sei es nach der reinen Natur, omnipo­tenter Technik, dem freien Markt oder dem idealen Staat – um von uns verschwin­dender Minderheit von Rechts­fe­ti­schisten gar nicht zu sprechen. Dabei sollten wir aber wissen: Es gibt es hienieden nichts, an das wir uns dauerhaft halten können.

PV Großanlage auf dem Feld im Hintergrund eine Eisenbahn.

(Schie­nen­gü­ter­transport mit Hilfe von Elektro­mo­bi­lität, Foto: Andreas Troll, Pixabay)

Eigentlich sollte es heute über etwas Anderes gehen, nämlich die sogenannte Techno­lo­gie­of­fenheit – und das passt irgendwie doch wieder Thema. Wer meint, dass der Markt am Besten von alleine auf die effizi­en­testen Lösungen käme, kann mit dem Stichwort vermutlich was anfangen. Wer eher auf den Staat setzt, will „dem Markt“ bzw. den Verbrau­chern, Irrwege ersparen, die in Kosten­fallen führen.

Nun, letztlich wissen wir immer erst im Nachheinein, was die richtige Lösung gewesen wäre, auch wenn es aktuell so aussieht, als war es ziemlich schlau von der Ampel gewesen, die Produktion deutscher Wärme­pumpen, Windräder und E‑Autos zu fördern und dadurch zur Markt­reife zu bringen. Von den PV-Paneelen, deren Produktion schon Jahre zuvor im Zuge der sogenannten „Altmaier-Delle“ nach China gewandert ist, schweigen wir geflis­sentlich. Jetzt, angesichts steigender Gas- und Ölpreise, schreit alle Welt nach diesen Produkten. Deutschland könnte wieder Export­welt­meister sein.

Hätte man es wissen können? Nicht wirklich. Das Einzige, was sich als Lehre draus ziehen lässt ist, dass es zu kurz greift, sich alleine an Vorstel­lungen vom freien Markt zu klammern. Denn die Umwelt des Marktes wird entscheidend durch Politik und Recht (und übrigens – was schon Karl Polanyi wusste – auch durch die von Natur­er­eig­nissen abhängige Primär­pro­duktion) geprägt. Was die Politik will und „mit Recht“ beständig verfolgt, sei es Krieg oder Klima­schutz, bestimmt, was auf dem Markt knapp wird oder nachge­fragt wird. Wo Friedrich Hayek unrecht hatte, hat es Friedrich Merz immer noch nicht kapiert:

Nicht weil die Politik die Welt besser kennt, sondern weil sie für die Welt entscheidend ist, weiß der Staat oft besser als der Markt, über welche steinigen Bergpfade er mit größerer Wahrschein­lichkeit auf neue grüne Wiesen führen wird.

Ob Techno­lo­gie­of­fenheit zu mehr Effizienz führt oder eher die einseitige Förderung von Zukunfts­tech­no­logien, hängt auf paradoxe Weise mit wirtschafts­po­li­ti­schen Grund­ent­schei­dungen zusammen: Wenn Politik ihre eigene Rolle und die des Staates gering schätzt, dann ist der Markt ihr überlegen in der Suche nach der effizi­en­testen Lösung. Wenn Politik bestimmte Visionen der Daseins­vor­sorge, sei es im Verkehr oder in der Energie­wirt­schaft, selbst­be­wusst und konse­quent verfolgt, dann schafft sie damit neue Umwelten für die Wirtschaft. Das ist nicht nur gut für die Politik, sondern vor allem auch für die Wirtschaft. Da sind Unter­nehmen nicht anders als wir alle. Sie brauchen vor allen Dingen stabile regula­to­rische Umwelten, in denen sie ein neues Gleich­ge­wicht finden und sich neue Märkte erschließen können. Ohne einen Rechts­rahmen für öffent­liche Infra­struktur, der Verläss­lichkeit für Inves­ti­ti­ons­ent­schei­dungen gewähr­leistet, werden sie das nicht schaffen. (Olaf Dilling)